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Bösewicht gesucht!

Lauterbacher Anzeiger Okt. 2014

Mephisto, Faust oder doch lieber Gretchen? Die Gemeinschaft Altenschlirf sucht Mitwirkende für ihr großes Jubiläums-Theaterprojekt im Herbst 2015. Im September 2014 sollen die ersten Proben stattfinden.

Im Herbst 2015 feiert die Gemeinschaft Altenschlirf ihren 33. Geburtstag. Für dieses Jubiläum plant sie schon jetzt ein großes Theaterprojekt: Auf dem Programm steht Goethes „Faust“. Ob Gretchen-Frage, des Pudels Kern oder „Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!“ – zahlreiche Redensarten stammen aus dem Klassiker, der auch 200 Jahre nach seiner ersten Veröffentlichung zu den meistgespielten Werken auf deutschen Bühnen zählt. „Das ist natürlich ein anspruchsvolles Vorhaben, aber wir sind uns sicher, dass das Ganze eine fantastische Sache wird!“, ist sich Norbert Venschott, Vorstandsmitglied und einer der Gründer der Gemeinschaft Altenschlirf, sicher.

„Was uns vorschwebt, ist ein wirklich inklusives Projekt“, erläutert die Theaterpädagogin und Regisseurin Almut König. „Am schönsten wäre es, wenn daran nicht nur Bewohner und Mitarbeitende der Gemeinschaft teilnehmen, sondern auch theaterbegeisterte Nachbarn aus den umliegenden Dörfern und der Region.“ Wer also Lust hat, sich in dieses außergewöhnliche Vorhaben einzubringen, bei dem Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam Theaterluft schnuppern, ist herzlich eingeladen. Die Proben sollen nach den Sommerferien 2014 beginnen. Auch zahlreiche kleinere Rollen sind zu vergeben, außerdem werden noch Helferinnen und Helfer für die Probenarbeit und die vielen weiteren Arbeiten im Hintergrund gesucht.

Das Stück bietet einige große Hauptrollen wie den titelgebenden Faust oder den verführerischen Bösewicht Mephisto, die jedoch auch auf mehrere Spieler verteilt werden könnten. Außerdem gibt es zahlreiche kleinere Rollen – etwa Spaziergänger beim Osterspaziergang, die Wirtshausbesucher in Auerbachs Keller oder die Hexen in der Walpurgisnacht. Auch Tanz-, Eurythmie- und Gesangseinlagen sind geplant. Eine kleine Vortragsreihe wird die Probenarbeit begleiten, um den Zugang zu diesem vielschichtigen Werk zu erleichtern.

Die Haupt-Proben werden vor allem am Samstagvormittag stattfinden, für die größeren Rollen sind weitere Probentermine während der Woche abends vorgesehen. Alle Mitspieler, die kleinere Rollen übernehmen wollen, müssen natürlich nicht während der kompletten, gut einjährigen Probenzeit dabei sein. Dennoch ist etwa sechs Wochen vor den Aufführungen mit mindestens zwei Probenterminen wöchentlich zu rechnen. Die Aufführungen sind für zwei Wochenenden Ende Oktober und Anfang November 2015 geplant.


Goethes „Faust“ – verstaubt oder hoch aktuell?

Lauterbacher Anzeiger Nov. 2014

Marcus Schneider hält am 4. Dezember Einführungsvortrag zum Jubiläums-Theaterprojekt der Gemeinschaft AltenschlirfSeit Anfang November laufen die Theaterproben für das inklusive Theaterprojekt zu Goethes „Faust“. Anlässlich ihres 33-jährigen Jubiläums wird die Gemeinschaft Altenschlirf den Goethe-Klassiker im Herbst 2014 auf die Bühne bringen – beteiligt sind rund 80 Menschen mit und ohne Behinderung. Am Donnerstag, dem 4. Dezember gibt es einen ersten Einführungsvortrag, der den Beteiligten, aber auch allen zukünftigen Zuschauern und sonstigen Interessierten das Werk näher bringen möchte. Dafür konnte die Gemeinschaft den international tätigen Vortragsredner Marcus Schneider gewinnen, der unter anderem Leiter der Akademie für anthroposophische Pädagogik in Dornach (Schweiz) ist.
„Der Worte sind genug gewechselt – lasst uns nun endlich Taten seh’n“ – dieses und viele weitere Zitate aus dem „Faust“ sind auch heute noch gängige Redensarten. Neben dem ersten Teil des Werkes gibt es auch noch einen weniger bekannten zweiten Teil, der vielen Menschen zunächst schwer verständlich scheint. Dabei geht es dort unter anderem um die Erfindung des Papiergeldes und damit quasi um die Entstehung der Finanzmärkte – nicht erst seit der Finanzkrise ein brisantes Thema. Doch auch Fausts Auseinandersetzung mit dem Bösen ist nach wie vor aktuell, deshalb gilt das Stück bis heute als Sinnbild für das Ringen des modernen Menschen mit elementaren Lebensfragen.


„Griff ins volle Leben“

Altenschlirfer Brief Dez. 2014

Im Herbst 2015 wird die Gemeinschaft Altenschlirf Goethes Klassiker auf die Bühne bringen. Ob Gretchen-Frage, des Pudels Kern oder „Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!“ – zahlreiche Redensarten stammen aus dem Klassiker, der auch rund 200 Jahre nach seiner ersten Veröffentlichung zu den meistgespielten Werken auf deutschen Bühnen zählt. Ein anspruchsvolles Vorhaben, zumal die Aufführung nicht nur den bekannteren ersten, sondern auch Passagen des zweiten Teils des Stückes umfassen soll.

„Was wir planen, ist ein wirklich inklusives Projekt, das in dieser bunten Mischung für uns alle etwas Neues ist“, erläutert die Theatertherapeutin und Regisseurin Almut König. Sie hat in den vergangenen Jahren schon mehrere Projekte mit Bewohnern der Gemeinschaft umgesetzt und leitet regelmäßig Theaterinszenierungen mit den Seminaristen der Fachschule Campus am Park. Nun werden rund 40 Bewohnerinnen und Bewohner der Gemeinschaft den größten Teil der Mitwirkenden ausmachen, die zweitgrößte Gruppe stellen etwa 20 Mitarbeitende. Hinzu kommen rund zehn Teilnehmer aus der Fachklinik Melchiorsgrund in Schwalmtal- Hopfgarten
sowie ebenso viele aus den umliegenden Dörfern. Letztere haben sich auf einen Aufruf in der Lokalzeitung gemeldet und sind ebenfalls bunt gemischt: Die älteste Teilnehmerin ist 77 Jahre alt – sie hat vorher noch nie auf einer Bühne gestanden, war aber auf dieses ungewöhnliche Projekt vor ihrer Haustür neugierig geworden und hat sich deshalb entschieden mitzumachen.
Bunte Vielfalt auf und hinter der Bühne

Seit September 2014 wird geprobt. Neben den großen Hauptrollen Faust und Mephisto, die auf verschiedene Spieler aufgeteilt werden, gibt es zum Glück auch viele kleinere Rollen – etwa „buntes Volk“ beim Osterspaziergang, Wirtshausbesucher in Auerbachs Keller oder die Hexen in der Walpurgisnacht. Auch Tanz-, Eurythmie- und Gesangseinlagen sind geplant. „Bei rund 80 Beteiligten die Fäden stets zusammenzuhalten – das ist eine enorme Herausforderung“, sagt Regisseurin Almut König. Ihr zur Seite steht Norbert Venschott, der sich als Projektleiter um verschiedene Förderungen und die umfangreichen organisatorischen Aspekte kümmert und auch bei der Einstudierung einzelner Szenen aktiv werden möchte. Er hat schon 2007 aus Anlass des 25-jährigen Bestehens der Gemeinschaft eine Inszenierung von Mozarts „Zauberflöte“ geleitet, die noch heute allen Beteiligten in bester Erinnerung ist.

Den Part des um Erkenntnis ringenden älteren Faust übernimmt Ludwig Frevel, Werkstattleiter in der Landwirtschaft in Altenschlirf. Auf seinen Vorschlag hin kam das Projektteam auch auf die Idee, ausgerechnet den Goethe-Klassiker auszuwählen. „Die Entstehung dieses Projekts hat drei Wurzeln“, erzählt Almut König. „Da war einerseits die persönliche Initiative von Ludwig, der gerne Theater spielen wollte, am liebsten den ‚Faust‘. Er ist mit der Frage an mich herangetreten, ob und wie ich mir das vorstellen könnte. Dann stand das Versprechen von Norbert im Raum, nach dem tollen Zauberflöten-Projekt ein weiteres großes Theaterstück zur Aufführung zu bringen – dazu gab es immer wieder Anfragen von Bewohnern. Und mein eigenes Anliegen war es, hier in der Gemeinschaft auch einmal etwas Größeres anzugehen, bei dem wir mehr Menschen von außen beteiligen und damit bunter und inklusiver mischen können.“

Trotzdem wird natürlich auch Unterstützung von außerhalb gesucht und begrüßt. „Es ist toll, welche Hilfe uns von allen möglichen Seiten zukommt, weil wir einen großen Freundeskreis haben“, freut sich Norbert Venschott. „So hat uns etwa Stephen Harrison, der Operndirektor der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf, zugesagt, uns einen Profi zur Seite zu stellen, der uns bei der Maske hilft.“ Eine andere Initiative für den Maskenbau kommt von Melchiorsgrund, die Kostüme sollen in Kooperation mit Auszubildenden im Haus am Kirschberg in Lauterbach geschneidert werden, wo es eine integrativ arbeitende Schneiderei gibt. Sicher werden im Laufe der kommenden Monate noch viele weitere Ideen zur Mitarbeit und Unterstützung entstehen, nicht zuletzt auch hinsichtlich der Kosten für das aufwendige Projekt. Schon jetzt wirbt der jährliche Spendenaufruf der Gemeinschaft unter dem Motto „Mehr Licht!“ unter anderem um Gelder für eine neue Lichtanlage, die auch dem Faust-Projekt zugute kommen wird. Der Filmemacher Benjamin Kurz wird das Projekt mit der Kamera begleiten, so dass der gesamte Prozess auch in Form eines Films dokumentiert werden kann. Als Schirmherrin konnte Verena Bentele gewonnen werden. Die sehbehinderte frühere Weltmeisterin im Biathlon und Skilanglauf ist seit Januar 2014 Behindertenbeauftragte der Bundesregierung.
Raum für Beziehung schaffen

Anders als etwa bei der „Zauberflöte“, bei der eine zehntägige Probenzeit für den inklusiven Aspekt – das Zusammenführen der schauspielernden Bewohnern der Gemeinschaft, der professionellen Sängern und des begleitenden Schülerorchesters – reichen musste, ziehen sich die Proben diesmal über mehr als ein Jahr hin. Das schafft gute Voraussetzungen für längerfristige Beziehungen und Bindungen zwischen den verschiedenen Beteiligten. Schon jetzt gibt es den Wunsch, etwa von den Teilnehmern aus Melchiorsgrund, sich gegenseitig zu besuchen oder auch gemeinsame Workshops zu organisieren. Begleitend zu den Proben finden außerdem mehrere Vorträge statt, die zur Auseinandersetzung mit dem Werk anregen wollen. Erste Kostproben aus der Probenarbeit können vielleicht schon beim Johannimarkt Besucherinnen und Besucher neugierig machen. Die feierliche Premiere wird dann schließlich am letzten Oktoberwochenende in Altenschlirf stattfinden, eine Woche später gastiert das „Altenschlirfer Faust-Ensemble“ im Schlosstheater in Fulda.

Nun ist der „Faust“ ja nicht gerade leichter Stoff – wie schafft man es da, dass jeder etwas findet, wo er anknüpfen kann? Norbert Venschott ist sich sicher, dass die Voraussetzungen dafür gut sind: „Viele Bewohner haben das Stück durch die Waldorfpädagogik kennengelernt, wo der ‚Faust‘ fester Bestandteil des Lehrplans ist – an Regelschulen ebenso wie an Förderschulen. Etliche Bewohner können ganze Passagen auswendig und waren absolut begeistert, als sie von unserer Wahl gehört haben.“ Almut König fügt hinzu: „Der ‚Faust‘ wirkt durch die Bilder. Es geht darin um das volle Leben, wie es ja schon im Vorspiel heißt. Und wir werden eine bunte Inszenierung anstreben, wo hoffentlich alle schon allein über die Bilder viel mitnehmen können, auch wenn nicht jedes Detail für jeden intellektuell zu begreifen sein wird. Wie heißt es weiter beim Vorspiel auf dem Theater: ‚In bunten Bildern wenig Klarheit, viel Irrtum und ein Fünkchen Wahrheit, so wird der beste Trank gebraut, der alle Welt erquickt und auferbaut!“
Ringen um Erkenntnis und Auseinandersetzung mit dem Bösen

Das Ringen um Erkenntnis ist ein Thema, das wohl immer aktuell bleibt. Jeder kann es auf seinen eigenen Alltag beziehen – genauso wie die Begegnung mit dem Bösen, ob in unserem persönlichen Umfeld oder beim Blick auf die globalen Krisen. Warum ist die Welt so, wie sie ist? Wo steckt der Sinn dahinter? Faust scheitert zwar in seiner Verstrickung in das Böse, doch es öffnet sich eine weitere Dimension, nämlich in eine geistige Welt, in der die Entwicklung weiter gehen kann. „Es reicht nicht, sich vom Bösen fernzuhalten, sondern wir müssen uns damit auseinandersetzen!“, betont Norbert Venschott. „Und vielleicht gelingt es noch nicht einmal im Laufe eines ganzen Menschenlebens, da wirklich weiterzukommen, das erfahren wir ja auch immer wieder.“

Die Gnade, die Faust nach seinem Tode durch die Wesen einer geistigen Welt erfährt, ist bei Goethe nur möglich durch die Liebe. „‚Liebe, nur Liebende führet herein‘, heißt es da“, zitiert Almut König und fährt fort: „Ob geistige oder auch einfach die menschliche Liebe, die Begegnung von Faust und Margarete zeigt, dass wir ohne sie wohl nicht weiter kommen.“ Das wiederum dürfte eine wichtige Erfahrung auch im alltäglichen Leben aller Menschen sein. Und so erscheint es tatsächlich ausgesprochen passend, den 33. Geburtstag der Gemeinschaft gerade mit diesem Werk zu feiern.


Premiere in der Gemeinschaft Altenschlirf Standing Ovations für inklusives Faust-Projekt

Erleichterte und fröhliche Gesichter auf, vor und hinter der Bühne, Standing Ovations von einem begeisterten Publikum: Am Freitag hatte das inklusive Faust-Projekt der Gemeinschaft Altenschlirf im ausverkauften Saal Premiere. Am kommenden Wochenende folgen drei weitere Aufführungen im Schlosstheater Fulda.
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Von Laura Krautkrämer für Info 3_

Über ein Jahr liefen die Vorbereitungen für die inklusive Adaption des Goethe-Klassikers, an der nicht weniger als 80 Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen, mit und ohne Behinderungen mitwirken. Viele Monate lang wurde geprobt, Kulissen gebaut, Kostüme genäht – das Ergebnis ist beeindruckend und stellt so manche professionelle Inszenierung in den Schatten. Als am Ende der Aufführung am vergangenen Freitag das komplette Ensemble singend durch den Saal zur Bühne schreitet, hin zu Faust, der nun doch noch Erlösung erfahren darf, ist das ein echter Gänsehaut-Moment. Über vier Stunden hat das Premieren-Publikum mit den Darstellern gefiebert, reichlich Szenenapplaus vergeben, gelacht, vielleicht sogar geweint und manchmal auch gezittert. Etwa dann, als Anne Kleinhans, die junge Darstellerin des Gretchens, ihre offensichtliche Aufregung geradezu heroisch gemeistert hat, um sich dann freizuspielen und die Zuschauer mit ihrer berührenden Interpretation dieser tragischen Rolle in ihren Bann zu schlagen. Helmut Hampel als Mephisto bringt den Bösewicht mit geradezu überwältigender Präsenz auf die Bühne. Und Anne Gründler spielt eine Hexe, deren energiegeladenes Auftreten einem schier den Atem raubt.

Alle reden über Inklusion – hier wird sie gelebt

Doch eigentlich scheut man sich, einzelne Spieler und Mitwirkende herauszustellen, denn das Altenschlirfer Faust-Projekt ist vor allem eines: ein Gemeinschaftswerk. Die Regisseurin Almut König hat gemeinsam mit Projektleiter Norbert Venschott Großartiges geleistet und ein nicht nur künstlerisch, sondern auch sozial überzeugendes Projekt auf die Beine gestellt. Nicht nur Bewohner und Mitarbeiter der Gemeinschaft Altenschlirf spielen mit – viele verschiedene Menschen sind beteiligt, wirken auf der Bühne mit oder unterstützen das Projekt im Hintergrund. Einige Mitspieler kommen aus dem kulturtherapeutischen Dorf Melchiorsgrund, andere sind Nachbarn aus den umliegenden Dörfern der anthroposophischen Lebensgemeinschaft im Vogelsberg.

Beistand und Unterstützung kamen von vielen, manchmal völlig unerwarteten Seiten. So war beispielsweise lange offen, wer sich um die Musik kümmern könnte – da meldete sich Anfang des Jahres Angela Cremer, eine erfahrene Musiklehrerin und Chorleiterin aus der Region, die in der Lokalzeitung von dem Projekt gelesen hatte. Sie komponierte nicht nur mehrere Chorstücke, sondern brachte gleich ihre komplette Musiziergruppe in das Faust-Projekt ein. Auch ihr Lebenspartner Hans Döpping ließ sich für das Stück begeistern: Er spielt den Türmer und ist mit seinen 91 Jahren der mit Abstand älteste Mitwirkende.

Ansteckende Spielfreude

Gerade die Gruppenszenen in der Hexenküche, der Walpurgisnacht oder im Wirtshaus vermitteln die ansteckende Spielfreude aller Beteiligten: Da wuseln die Meerkatzen, da toben die Hexen und bechern die zechenden Gesellen in Auerbachs Keller. Die überzeugenden schauspielerischen Leistungen werden unterstützt durch ein minimalistisches, aber höchst wirkungsvolles Bühnenbild, auch Kostüme und Masken sind ausdrucksstark und schaffen viel Atmosphäre. Neben dem bekannten ersten Teil des Werkes werden auch zentrale Szenen aus „Faust II“ aufgeführt. Als echter Glücksgriff erweist sich die Entscheidung, die beiden Hauptrollen Faust und Mephisto mit mehreren Darstellern zu besetzen. Auf diese Weise können nicht nur die Darsteller die umfangreichen Rollen besser handhaben, auch für die Zuschauer kommt Abwechslung ins Spiel. Faust erscheint in dreifacher Besetzung: Als Gelehrter in mittlerem Alter, deutlich verjüngt nach dem Zaubertrank sowie im zweiten Teil als fast Hundertjähriger. Mephistos Rolle wurde auf zwei Darsteller verteilt, die in einigen Szenen sogar gleichzeitig auftreten.

„Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein“ – dieser außergewöhnliche Theaterabend ist imstande, dem arg strapazierten Faust-Zitat wieder neues Leben einzuhauchen. Wie Regisseurin Almut König berichtet, fiel die Entscheidung für den „Faust“ sehr bewusst. Das Projekt will ausdrücklich über alltägliche Begrenzungen hinausführen und den Blick weiten, hin zu existentiellen Fragen, die alle Menschen betreffen. „Das Stück erlaubt uns, über das Eigene hinauszuschauen“, ist König überzeugt. Ob Menschen mit oder ohne Behinderung, mit oder ohne Suchterfahrungen, ob alte Menschen oder junge, extrovertierte oder zurückhaltende: Sie alle haben beim Altenschlirfer Faust einen Platz gefunden und tragen gemeinsam zum Gelingen bei.


Premiere in der Gemeinschaft Altenschlirf

HERBSTEIN (flü). Erleichterte und fröhliche Gesichter auf, vor und hinter der Bühne, Standing Ovations von einem begeisterten Publikum: Am Freitag hatte das inklusive Faust-Projekt der Gemeinschaft Altenschlirf im ausverkauften Saal Premiere. Am kommenden Wochenende folgen drei weitere Aufführungen im Schlosstheater Fulda.

Über ein Jahr liefen die Vorbereitungen für die inklusive Adaption des Goethe-Klassikers, an der nicht weniger als 80 Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen, mit und ohne Behinderungen mitwirken. Viele Monate lang wurde geprobt, Kulissen gebaut, Kostüme genäht – das Ergebnis ist beeindruckend und stellt so manche professionelle Inszenierung in den Schatten. Als am Ende der Aufführung am vergangenen Freitag das komplette Ensemble singend durch den Saal zur Bühne schreitet, hin zu Faust, der nun doch noch Erlösung erfahren darf, ist das ein echter Gänsehaut-Moment. Über vier Stunden hat das Premieren-Publikum mit den Darstellern gefiebert, reichlich Szenenapplaus vergeben, gelacht, vielleicht sogar geweint und manchmal auch gezittert. Etwa dann, als Anne Kleinhans, die junge Darstellerin des Gretchens, ihre offensichtliche Aufregung geradezu heroisch gemeistert hat, um sich dann freizuspielen und die Zuschauer mit ihrer berührenden Interpretation dieser tragischen Rolle in ihren Bann zu schlagen. Helmut Hampel als Mephisto bringt den Bösewicht mit geradezu überwältigender Präsenz auf die Bühne. Und Anne Gründler spielt eine Hexe, deren energiegeladenes Auftreten einem schier den Atem raubt.

Alle reden über Inklusion – hier wird sie gelebt

Doch eigentlich scheut man sich, einzelne Spieler und Mitwirkende herauszustellen, denn das Altenschlirfer Faust-Projekt ist vor allem eines: ein Gemeinschaftswerk. Die Regisseurin Almut König hat gemeinsam mit Projektleiter Norbert Venschott Großartiges geleistet und ein nicht nur künstlerisch, sondern auch sozial überzeugendes Projekt auf die Beine gestellt. Nicht nur Bewohner und Mitarbeiter der Gemeinschaft Altenschlirf spielen mit – viele verschiedene Menschen sind beteiligt, wirken auf der Bühne mit oder unterstützen das Projekt im Hintergrund. Einige Mitspieler kommen aus dem kulturtherapeutischen Dorf Melchiorsgrund, in dem seit vielen Jahren intensiv und auf hohem Niveau Theaterstücke erarbeitet werden, andere sind Nachbarn aus den umliegenden Dörfern der anthroposophischen Lebensgemeinschaft im Vogelsberg.
Beistand und Unterstützung kamen von vielen, manchmal völlig unerwarteten Seiten. So war beispielsweise lange offen, wer sich um die Musik kümmern könnte – da meldete sich Anfang des Jahres Angela Cremer, eine erfahrene Musiklehrerin und Chorleiterin aus der Region, die in der Lokalzeitung von dem Projekt gelesen hatte. Sie komponierte nicht nur mehrere Chorstücke, sondern brachte gleich ihre komplette Musiziergruppe in das Faust-Projekt ein. Auch ihr Lebenspartner Hans Döpping ließ sich für das Stück begeistern: Er spielt den Türmer und ist mit seinen 91 Jahren der mit Abstand älteste Mitwirkende.

Ansteckende Spielfreude. Gerade die Gruppenszenen in der Hexenküche, der Walpurgisnacht oder im Wirtshaus vermitteln die ansteckende Spielfreude aller Beteiligten: Da wuseln die Meerkatzen, da toben die Hexen und bechern die zechenden Gesellen in Auerbachs Keller. Die überzeugenden schauspielerischen Leistungen werden unterstützt durch ein minimalistisches, aber höchst wirkungsvolles Bühnenbild, auch Kostüme und Masken sind ausdrucksstark und schaffen viel Atmosphäre. Neben dem bekannten ersten Teil des Werkes werden auch zentrale Szenen aus „Faust II“ aufgeführt. Als echter Glücksgriff erweist sich die Entscheidung, die beiden Hauptrollen Faust und Mephisto mit mehreren Darstellern zu besetzen. Auf diese Weise können nicht nur die Darsteller die umfangreichen Rollen besser handhaben, auch für die Zuschauer kommt Abwechslung ins Spiel. Faust erscheint in dreifacher Besetzung: Als Gelehrter in mittlerem Alter, deutlich verjüngt nach dem Zaubertrank sowie im zweiten Teil als fast Hundertjähriger. Mephistos Rolle wurde auf zwei Darsteller verteilt, die in einigen Szenen sogar gleichzeitig auftreten.

„Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein“ – dieser außergewöhnliche Theaterabend ist imstande, dem arg strapazierten Faust-Zitat wieder neues Leben einzuhauchen. Wie Regisseurin Almut König berichtet, fiel die Entscheidung für den „Faust“ sehr bewusst. Das Projekt will ausdrücklich über alltägliche Begrenzungen hinausführen und den Blick weiten, hin zu existentiellen Fragen, die alle Menschen betreffen. „Das Stück erlaubt uns, über das Eigene hinauszuschauen“, ist König überzeugt. Ob Menschen mit oder ohne Hilfebedarf, ob alte Menschen oder junge, extrovertierte oder zurückhaltende: Sie alle haben beim Altenschlirfer Faust einen Platz gefunden und tragen gemeinsam zum Gelingen bei.


Mutig, bewegend, „frisch und neu“

Von Bertram Lenz für den Lauterbacher Anzeiger 2.11.2015

INKLUSIVES PROJEKT Aufführung des Goethe-Werks im Wilhelm-Meister-Saal der Gemeinschaft Altenschlirf / Im November im Fuldaer Schlosstheater

ALTENSCHLIRF – Ganze Schülergenerationen wissen, dass Goethes „Faust“ kein einfacher Stoff ist. Insbesondere der zweite Teil steckt derart voller Andeutungen und Raffinessen, dass der Handlung erst beim dritten oder vierten Mal beizukommen ist. Umso höher ist das Wagnis zu bewerten, das die Gemeinschaft Altenschlirf auf sich genommen hat, in gut vier Stunden den ersten Teil der Tragödie und wesentliche Fragmente des zweiten Teils als inklusives Projekt zu erarbeiten. Das Fazit sei vorweggenommen: Das Risiko hat sich gelohnt, das Ergebnis ist mehr als beachtlich. Die Aufführungen vom Wochenende machen Mut für die drei Abende, in denen das Werk im Schlosstheater Fulda auf dem Programm steht.
Bei der Gemeinschaft Altenschlirf ist es gute Tradition, sich an künstlerische Projekte zu wagen und diese mit anderer Herangehensweise neu zu betrachten. Erinnert sei an die „Zauberflöte“ in 2007 und „Peter und der Wolf“ in 2013. Auch mit dem „Faust“ ist es dank vieler Mitwirkender auf der Bühne und hinter den Kulissen gelungen, sich mit viel Spielfreude und faszinierenden Bildern einem Werk anzunähern, das auch heute noch hinreichend Spielraum für Interpretationen lässt.
Und die vielleicht wichtigste Erkenntnis der Aufführung: Dank der monatelangen Probenarbeit unter der Gesamtverantwortung von Projektleiter Norbert Venschott ist ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt worden, das den mitunter sperrigen Begriff der „Inklusion“ lebendig macht. Bewohner und Mitarbeiter der Gemeinschaft Altenschlirf stehen zusammen mit Menschen aus der Fachklinik Melchiorsgrund in Schwalmtal-Hopfgarten sowie Bürgern aus den umliegenden Gemeinden auf der Bühne oder sorgen im Hintergrund für das Gelingen.
Dabei sind es auch die kleinen Dinge, die aufzeigen, dass die Verantwortlichen an alles gedacht haben, um die Darbietung zu einem Erfolg werden zu lassen: Am Saaleingang werden kleine Zettel mit Zitaten aus der Tragödie verteilt, um so auf die folgenden Stunden (die von zwei Pausen mit kleinem Speisenangebot unterbrochen werden) einzustimmen. „Wie machen wir‘s, dass allen frisch und neu und mit Bedeutung auch gefällig sei?“ – Besser als mit diesem Satz kann man in den „Faust“ nicht überleiten; in eine Inszenierung, die mutig und ungekünstelt daherkommt. Das Engagement, ja die Begeisterung der Akteure auf der Bühne, überträgt sich dabei sehr schnell auf die vielen Besucher im Wilhelm-Meister-Saal, die nicht mit Szenenapplaus geizen. Zumal es Regisseurin Almut König gelungen ist, den Spannungsbogen aufrechtzuerhalten, indem nämlich sowohl Faust als auch Mephisto von mehreren Darstellern verkörpert werden. Nicht zuletzt dieser Kniff erlaubt es dem Zuschauer, damit dem Ziel ein Stück näherzukommen, das die Regisseurin so formuliert hat: Über das Eigene hinauszuschauen, denn alle Beteiligten stoßen an ihre Grenzen, überwinden Barrieren und müssen sich immer wieder neu orientieren. „Denn das Projekt ist auch die Möglichkeit einer umgekehrten Inklusion: Die Bewohner als größte Gruppe nehmen die anderen Mitwirkenden auf.“
Die Vielschichtigkeit der höchst stimmigen Inszenierung wird durch verschiedene weitere Elemente unterstrichen: durch die Musik (Leitung Angela Cremer), die Choreographie, die Licht- und Tontechnik, durch das Bühnenbild und schließlich durch die fantasievollen Kostüme und Masken, darunter auch Leihgaben der Deutschen Oper am Rhein. Überhaupt wäre das Projekt nicht realisierbar gewesen ohne verschiedene Sponsoren, denen im informativ gestalteten Programmheft ausdrücklich gedankt wird. Sie alle haben mit dazu beigetragen, dass die Zuschauer ein Werk erleben dürfen, das in Erinnerung bleiben wird. Nicht zuletzt aufgrund von faszinierend erarbeiteten und dargebotenen Szenen wie jene in der Hexenküche oder natürlich jene von der Walpurgisnacht.
Ein Wort zum Schluss: Man täte dem gesamten Ensemble Unrecht, würde man einzelne Darsteller herausgreifen und würdigen. Denn die Leistung aller Mitwirkenden verdient höchstes Lob: Chapeau!


So geht Inklusion!“ – Inklusives Theaterprojekt der Gemeinschaft Altenschlirf begeisterte

Von Jessica Auth für fuldainfo.de 1.11.2015

Herbstein/Altenschlirf. Man möchte als Rezipient meinen, die Rolle des Mephistopheles sei Helmut Hampel wie auf den Leib geschrieben – denn seine Bühnenpräsenz ist nahezu einzigartig. Doch nicht nur Mephisto war am Freitagabend, dem Premierenabend von Faust, dem inklusiven Theaterprojekt der Gemeinschaft Altenschlirf, einzigartig. In diesem Kontext adaptierte die Lebens- und Arbeitsgemeinschaft für Menschen mit und ohne Behinderung aus Altenschlirf (Vogelsbergkreis) ein Stoff, wie es ihn – ganz sicher – noch nicht gegeben hat:
„In unserer Inszenierung werden Faust und Mephisto jeweils von mehreren Darstellern verkörpert. Faust erscheint im ersten Teil als Gelehrter im mittleren Lebensalter, nach der Verjüngung in der Hexenküche, tritt ein zweiter, deutlich jüngerer Darsteller, auf. In den ausgewählten Teilen des zweiten Teils des Dramas, altert Faust wieder, bis er zuletzt – von einem dritten Spieler – als fast Hundertjähriger dargestellt wird. Bei Mephistopheles gibt es in der Charakterisierung zwei unterschiedliche Seiten: Die eine ist eher ‚nach außen gerichtet‘ und weckt den Wunsch, nach ‚materiellen Gütern‘ ebenso, wie das ‚Streben nach Macht‘. Die zweite Seite, verleitet im ‚Innern der Seele‘ zu ‚Süchten und Weltflüchtigkeit‘. Diese beiden Facetten – bringen wir durch zwei verschiedene Mephisto-Darsteller zum Ausdruck“, erklärt Regisseurin Almut König.

„Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis“

„Ein Theaterstück, das mit seinen Inhalten – über die Grenzen von Geburt und Tod hinausgeht, nennt man Mysterienspiel. Faust fungiert als ein solches Mysterienspiel. Mit Faust I haben wir eine Tragödie, wie viele andere: Der Haupt-Handelnde gerät ‚zum Teil – ohne eigenes Verschulden‘ – durch die Umstände eines außergewöhnlichen Lebensganges in tiefe Schuld: Gretchens Mutter stirbt durch die Schlaftropfen, die Faust von Mephisto bekommen hat, Gretchens Bruder Valentin, im Fechtkampf mit Faust (worin die Zauberkräfte Mephistos mitwirkten), und Gretchen tötet – mittlerweile wahnsinnig geworden – ihr eigenes Kind, das sie mit Faust bekommen hatte, weil es in der damaligen Zeit ein Verbrechen war, ein Kind zu bekommen, ohne verheiratet zu sein. Faust I endet damit, dass sich Gretchen auch nicht von Faust aus dem Gefängnis retten lässt, weil sie Mephisto in seiner Nähe gewahrt und deshalb lieber den Tod durch den Henker auf sich nimmt“, verdeutlicht Projektleiter Norbert Venschott.

Mit der Bühnenadaption von Goethes Faust gelang der Gemeinschaft Altenschlirf ein Meilenstein inklusiver Theatralität. Die unkonventionelle Faust-Inszenierung eröffnet nicht nur einen neuen, andersartigen hermeneutischen Zugang des Stoffes, sondern fungiert darüber hinaus als bestes Beispiel, was „gelebte Inklusion“ leisten kann; Daneben fungiert – genau wie die Quintessenz des Fauststoffes – das Altenschlirfener Theaterensemble selbst als Gleichnis, welches in Mimik, Gestik und Dramaturgie über tautologische Werktreue hinausgeht, gleichzeitig aber – und das ist das Besondere an der Altenschlirfer Inszenierung –der künstlerische Ausdruck unverklärt bleibt.

Warum ein Meilenstein?

Das inklusive Theaterprojekt der Gemeinschaft Altenschlirf fungiert deshalb als Meilenstein, weil es ein solches Projekt in dieser Art, wie es diese Lebens- und Arbeitsgemeinschaft angegangen ist, so und in dieser Form noch nicht gegeben hat: Beachtlich war – für viele Rezipienten – zu sehen, wie mit dem kanonisierten Stoff, beim inklusiven Theaterprojekt, umgegangen wurde, wie ihn die Darsteller auf einzigartiger Art und Weise adaptierte, interpretierte und nicht zu vergessen: Auf inklusivem Boden „lebte“.

„Es irrt der Mensch, solang` er strebt.“

„Es sind die Themen in Goethes Meisterwerk, die alle bewegen. Die Figur des Faust gilt auch heute noch als modernes Bild für das menschliche Streben nach Erkenntnis, zugleich aber auch als Beispiel, für Scheitern und Verführbarkeit. Insofern berührt das Werk – ganz gleich, ob bei Menschen mit oder ohne Behinderung – tiefe Lebensfragen. Goethe zeigt uns einen Menschen, der bis ins hohe Alter – mit all seinen Gedanken, Gefühlen und Taten – danach strebt: ‘Dass ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammen hält'”, ist sich die Altenschlirfener Lebensgemeinschaf sicher.

Ein sehr schönes, didaktisch sehr gut umgesetztes Theaterstück, was im Kern an Brechts Begrifflichkeit des Epischen Theaters erinnert und assoziiert.


Edel, hilfreich und gut. Die Faust-Gemeinschaft in Altenschlirf

Von Ute Hallaschka für die Erziehungskunst Januar 2016

Inmitten einer wunderschönen Landschaft im Vogelsberg liegt eine Kulturoase. In der Gemeinschaf
Altenschlirf wird die Kunst der Individualität großgeschrieben. Das war so vor 33 Jahren, als eine kleine Gruppe von Idealisten diese Einrichtung gründete, und das ist so bis heute. Das inklusive Faust-Projekt zeigte ein Sozialkunstwerk.

Die heilpädagogische Lebens- und Arbeitsgemeinschaft ist heute ein mittelständisches Unternehmen. Rund 300 Menschen bilden hier, auf verschiedene Standorte verteilt, ein kleines Dorf. Neben Landwirtschaft und verschiedenen Werkstätten – Holz, Käserei, Laden, Café – wird eine staatlich anerkannte Fachschule für Sozialwirtschaft betrieben.

Nun stellen sich dort, anlässlich des bevorstehenden Generationenwechsels, die Gründer wahrhaftig die Frage: Wie kann das weiter Freude machen, was wir tun? Wie müssen die Strukturen von Arbeit und Selbstverwaltung beschaffen sein, dass sie zur Kraftquelle, statt zur Belastung für die Nachfolger werden. Den Pionieren ist klar, dass ihr eigenes schöpferisches Reservoir, die Arbeits- und Lebenskraft aus anthroposophischer Begeisterung nicht einfach auf die Zukunft übertragen werden kann. Diese Selbstverständlichkeit des Idealismus zeigt sich hier als Selbstlosigkeit den Kommenden gegenüber. Das ist edel, hilfreich und gut.

Konkret besichtigen konnte man dieses Sozialkunstwerk im FaustProjekt. Ein Jahr lang haben mehr als 80 Mitwirkende an diesem inklusiven Theaterprojekt gearbeitet. Bewohner, Betreute und Mitarbeiter der Gemeinschaft sowie der nahege­legenen Studienstätte Melchiorsgrund, dazu Anwohner aus den umliegenden Dörfern. Die rund vierstündige Aufführung gliedert sich in drei Teile. Das Erkenntnisdrama des Anfangs, die Gretchentragödie als Herzmittelpunkt und Ausschnitte aus Faust II als Willensbilder und Handlungsimpulse des strebenden Menschen in der Auseinandersetzung mit sich selbst.

Der Regisseurin Almut König ist es gelungen, die Welt auf den Kopf zu stellen. Tatsächlich tritt hier eine Art umgekehrte Inklusion ein. Das Publikum konnte sich mitgenommen fühlen in ein Erlebnis des Schöpferischen, das alle Grenzen aufhebt. Nicht weil sie verwischt oder verdrängt werden, sondern gerade das Gegenteil – buchstäblich berücksichtigt. Hier wurde offenbar jeder Beteiligte so innig als Person gesehen, mit all seinen Stärken und spezifischen Schwächen, dass in der Geborgenheit jeder sein Bestes geben konnte. Wie eine Art seelische Schutzhütte, dass man als Nichtbehinderter glatt auf die Idee kommen könnte: Wie schön muss es sein, so gesehen, so angesprochen zu werden in der Besonderheit der eingeschränkten Lebenslage.

Das aber ist die Poesie, die den Lebenskräften der Sprache innewohnt, dass wir in ihr über uns hinauswachsen können, was wir ja wörtlich in der Entwicklung tun. Dazu muss Sprache als Realität der Freiheit verstanden werden und das hat die Regisseurin im besten Sinne spielerisch getan. Dann kann Sprache Heimat – Weltraum der Seele – werden. Auch und gerade erst recht, wenn es sich um ein großes Kunstwerk handelt.

Durchaus erschütternd für das Publikum, sich selbst so der Wirklichkeit ausgesetzt zu fühlen. Denn daran leiden wir alle, am mangelnden Zuhause-Sein bei uns selbst. Hier im Kunstwerk Altenschlirf dürfen alle ankommen bei sich, so wie sie sind. Diese konkrete Begegnung macht Freude und ist tief heilsam.
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Hinweis: Wer daran teilnehmen möchte, hat Gelegenheit dazu im nächsten Jahr. Der Filmemacher Benjamin Kurz hat das Projekt von Anfang an mit der Kamera begleitet. Im Frühjahr 2016 wird eine DVD erscheinen.